Wo's keine Medaillen gibt
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Wo's keine Medaillen gibt


  Publikation in der Sempacher Woche und Surseer Woche
vom 30. Januar 2003

Kolumne von Carmen von Däniken
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Es ist 2 Uhr nachts und ich bin hundemüde. Noch 40 Kilometer Autobahnstrecke liegen vor mir und ich wünsche mir nur eines: Ab ins weiche Bett! Die Sehnsucht nach Schlaf lässt mich das Gaspedal herunterdrücken. - Blitz! Blitz! ... Gebotstafeln drosseln nach kurzer Distanz die Geschwindigkeit auf 100 - 80 - 60 Stundenkilometer. Mit einem diskreten Einzahlungsschein im Briefkasten wegen Geschwindigkeitsübertretung ist nicht zu rechnen, denn ein Ordnungshüter weist mich mit seiner leuchtenden Verkehrskelle in die abgegrenzte Fahrbahnfläche.

Wer kennt das Gefühl der Schmach nicht, das einem in dieser Situation beschleicht. Ähnlich wie in Kindeszeiten, beim Bonbon Stehlen von der Mutter entdeckt, möchte man sich am liebsten in ein Mausloch verkriechen. So verschieden wie die Facetten eines Menschen sind, so unterschiedlich fallen auch die Reaktionen der ertappten Autofahrer aus. Obwohl sich der kontrollierende Polizist höflich und korrekt benimmt und sich überhaupt nicht als Hüter des Gesetztes aufspielt, so fällt es niemandem leicht, den Regelverstoss frisch und fröhlich zuzugeben. Im Grunde ist es doch so, dass wir genau in diesem Moment die Männer in Uniform am liebsten ins Pfefferland schicken würden. Dann nämlich, wenn sie als Buchhalter unserer Unzulänglichkeiten auftreten. Wir fordern zwar eine Polizei, die nicht nachlässig ist und mit zunehmender Kriminalität auch konsequent durchgreift und trotzdem versuchen wir bei eigenen Unschicklichkeiten immer wieder mit irgendwelchen Ausreden das eigene Strafmass zu mildern.

Niemand liebt die Polizei und gleichwohl wünschen wir, dass sie da ist, um uns zu beschützen, wenn Gewalt und Verbrechen drohen. Eigentlich ist die Polizei nichts anderes, als die Delegation der Bevölkerung, die kontrolliert, was korrekt ist und was nicht. Und doch stehen wir zu ihr in einem ambivalenten Verhältnis. Auf der einen Seite rufen wir Polizei! Polizei!, wenn wir überfallen werden und sind dankbar, wenn sie sofort zu Hilfe eilt und für Recht und Ordnung sorgt. Auf der andern Seite bezeichnen wir die Polizei als Polente, Bullen und Schmier, wenn es um unsere eigenen, vermeintlichen "Kavaliersdelikte" geht. Diese wechselhafte Beziehung zum Auge des Gesetzes ist vergleichbar mit einer Rose. Wir pflanzen sie - wir lieben sie und achten sie - und hie und da stechen uns ihre Dornen.

Im Umfeld einer so grossen Korrelation zu operieren, ist ein schwieriges Unterfangen für Menschen, die im Auftrag des Gesetzes ihren Dienst erledigen. Sich rund um die Uhr mit Mord, Verbrechen, Erpressung und Terrorismus zu beschäftigen, ist keine erbauende Aufgabe. Erst recht nicht, wenn eine gewisse ablehnende Halt der Bevölkerung, insbesondere der Jugendlichen gegen die staatliche Autorität, zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Die zunehmende Gewaltbereitschaft und die skrupellose Härte mit der in neuster Zeit Gewaltverbrechen ausgeübt werden, fordern die Diensttuenden immer mehr heraus. Und wozu das alles? - Ganz einfach, zu unserem Wohle. Sich mit dem Abschaum der Gesellschaft zu befassen, hat noch keinem eine Medaille gebracht. Auch nicht den drei Kindern des 40-jährigen britischen Polizisten, der am 14. Januar 2003 bei einem Antiterroreinsatz in Manchester mit einem Küchenmesser niedergestochen worden war.