Mut, der Schlüssel zur Freiheit
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Mut, der Schlüssel zur Freiheit


  Publikation in der Sempacher Woche und Surseer Woche
vom 17. Februar 2000

Kolumne von Carmen von Däniken
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Geht es Ihnen manchmal auch so, dass Sie JA sagen, obwohl Sie eigentlich NEIN meinen? Ein Beispiel: An der Haustüre steht ein Vertreter und präsentiert einen Koffer voll Massage-Bürsten: grosse, kleine, weiche, harte, runde, gebogene. Mit seinem Werbesprüchlein verspricht er mir die schönsten Erlebnisse im Falle eines Kaufes. Eigentlich will ich überhaupt nichts kaufen und erst recht nicht, wenn ich dazu überredet werde - und trotzdem sage ich JA. Obwohl ich mich für die billigste Bürsten-Ausführung entschliesse, ärgere ich mich - über mich selbst.

Ein weiteres Beispiel: In der Auslage der Metzgerei lacht mir ein schönes Stück Bündnerfleisch entgegen. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen und ich denke: Genau das Richtige für heute Abend! Bei der Bedienung bestelle ich 100 Gramm dieser Delikatesse. Statt vom besagten Stück Fleisch ein paar Scheiben abzuschneiden greift das Fräulein hinter die Theke und entnimmt einer Schale mit bereits vorgeschnittenen Tranchen eine Lage Bündnerfleisch, das an den Rändern schon etwas angetrocknet ist. Ich fühle mich betrogen - und getraue mich nicht, etwas zu sagen.

Jeder Mensch besitzt von Grund auf eine Entscheidungsfreiheit. Und trotzdem fühlen sich die meisten als Spielball von äusseren und inneren Zwängen. Zugegeben. Über die bestehenden Regeln, Gesetze und Vorschriften können wir uns nicht hinwegsetzten. Wir sind gefangen in einem sozialen Gefüge und abhängig von Familie und Vorgesetzten. Aber müssen wir uns immer und überall herumkommandieren und bedrängen lassen. Warum nicht einmal Stirne bieten?

Die beiden Beispiele zeigen den Zwang im Kleinen, gegen den man sich wehren kann. Doch es gehört eine Portion Courage dazu, seine Wünsche anzumelden. Es hilft wenig, wenn man, wie im Fall des Vertreters, das eigene Versagen der geschliffenen Rethorik des Verkäufers zuschiebt. Vielmehr zeigen beide Situationen eine persönliche Schwäche, eine eins-zu-eins-Konfrontation mit sich selbst: Nämlich die Angst, den Umständen in die Augen zu schauen, sich zu wehren und NEIN zu sagen. Ohne Scham. Ohne Furcht. Die Kunst dabei ist, aus seinen eigenen festgefahrenen Zwängen auszubrechen und über seinen Schatten zu springen, Freude zu entwickeln am Spiel mit dem eigenen Bewusstsein. Keine Ausrede zählt. Es braucht ein Stückchen Lebenskunst, vielleicht. Sicher aber Mut. Ein Sprichwort sagt denn auch: "Den Mutigen gehört die Welt." Das heisst nichts anderes als: Wer den Mut hat, die Konsequenzen für sein Handeln zu tragen und bereit ist, für das daraus Entstehende einzutreten, der gewinnt ein Stück Freiheit und Selbstvertrauen.

Wer sich dauernd zu irgend etwas überreden lässt, fühlt sich ausgenützt und missbraucht. Sich in diesem Moment seiner Entscheidungsfreiheit bewusst zu werden, ist der erste Schritt. Den Mut finden, frei zu handeln, der zweite. Die Frage ist nicht, welchen Zwängen wir unterworfen sind. Die Frage lautet, wie weit wir uns die Folgen unseres Handelns zumuten können. Mit jedem Stück Freiheit, wächst das Selbstbewusstsein. Denn wer sich alles diktieren und kommandieren lässt, bei dem steht es schlecht um Würde und Achtung.

Vorige Woche habe ich die Bürste entschlossen weggeschmissen. Und über meinen Schatten bin ich auch gesprungen - obwohl's zum Anfang nur ein Hopser war.