Das Spiel mit dem Glück
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Das Spiel mit dem Glück


  Publikation in der Sempacher Woche und Surseer Woche
vom 8. Mai 2003

Kolumne von Carmen von Däniken
all rights reserved

 


Eine junge Frau mit Namen Angela meldete sich vor ein paar Tagen bei Radio DRS und erzählte von ihrer flüchtigen Begegnung mit einem hübschen, jungen Mann im Hauptbahnhof Zürich. Seine Augen seien so blau gewesen wie der Ozean. Und beide wären sie so fasziniert gewesen von diesem kurzen Zusammentreffen, dass sie sich im Vorbeigehen nochmals umgedreht hätten. Ja, und nun suche sie diesen Mann und ihre letzte Hoffnung sei die Suche über das Radio, berichtete Angela weiter. Selbst über den Äther war die Verzweiflung dieser jungen Frau zu spüren.

Der Zauber, der dieses kurze Zusammentreffen im Bahnhof ausgelöst hat, verfolgt nun Angela Tag und Nacht. In ihrer Sehnsucht nach diesem jungen Mann telefoniert sie verzweifelt dem nationalen Radio und bittet den Eigentümer dieser geheimnisvollen Augen, er möge sich doch bei ihr melden. Ein schier aussichtsloser Versuch, zerronnenes Glück wieder einzufangen, eine verpasste Chance zurückzuholen. Warum nur, frage ich mich, hat die junge Frau nicht das Glück mit beiden Händen gepackt, als diese wunderschönen Augen nochmals zurückblickten, und nach der Telefonnummer, dem Namen oder der Adresse des Unbekannten gefragt?

"Fehlende Spontaneität", denken Sie vielleicht. Kann sein. Wie oft sind wir als Kinder von den Eltern angehalten worden mit den Worten: Das macht man nicht! Das gehört sich nicht! Solche Ermahnungen sind Spontaneitäts-Killer im höchsten Grad und bremsen jegliche Impulse in Herzensangelegenheiten selbst im erwachsenen Alter. Rasches Entscheiden und Handeln geschieht intuitiv und aus dem Herzen heraus. Spontan reagieren und vermehrt auf die innere Stimmen hören wäre dann auch ein erklärtes Ziel. Ich bin überzeugt, dass jeder schon einer verpassten Chance nachgetrauert hat. Und das schmerzt!

Es gibt noch einen andern Aspekt, den Angela in ihrer Spontaneität gehindert haben könnte: Angst - die Stimme der Vernunft. Die Angst, was passieren könnte, falls der Angesprochene ihr einen Korb austeilen oder sie sogar auslachen würde. Welche Schmach! Obwohl die Wahrscheinlichkeit äusserst klein ist, dass die Reaktion negativ ausfällt, liegt dieses Risiko schwer auf der Waage. Erstaunlich, dass uns die Möglichkeit einer Niederlage mehr zu schaffen macht, als das Spiel ums eigene Glück. Geht es um materielle Dinge, spielt die Grösse des Einsatzes weniger eine Rolle, selbst dann nicht, wenn die Wahrscheinlichkeit des Erfolges äusserst klein ist. Warum sonst spielen Woche für Woche so viele Leute Lotto. Geht es aber um emotionale Angelegenheiten, reagieren wir äusserst empfindlich. Erst im Nachhinein, wenn es schon zu spät ist, merken wir, dass Mutter Vernunft ständig unser Handeln kontrolliert.

Es wäre manchmal nicht schlecht, etwas mehr das Herz als den Verstand spielen zu lassen. Denn wer nie den Mut aufbringt, sich ein Herz zu fassen, steht seinem eigenen Glück im Wege. Es ist mir bewusst, dass nicht immer alles so geht, wie man es sich vorstellt. Doch Ihnen wünsche ich viel Spontaneität im Leben. Packen Sie das Glück stets beim Schopf! Keiner möchte im Alter auf ein Leben der verpassen Chancen zurückblicken. Vielmehr versonnen im Schaukelstuhl wiegen, sich zufrieden und genussvoll erinnern und leise vor sich hin summen:

Non! Rien de rien...
Non! Je ne regrette rien
Ni le bien qu'on m'a fait
Ni le mal tout ça m'est bien égal!