Also sprach Zarathustra
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Also sprach Zarathustra


  Publikation in der Sempacher Woche und Surseer Woche
vom 26. Juni 2003

Kolumne von Carmen von Däniken
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Sichtlich erbost steigt unser Nachbar aus der Kajüte auf Deck seines Segelschiffes und fixiert zum x-ten Mal das Grossfall, ein Seil, das zum Hochziehen des Hauptsegels benutzt wird. Mit Einfall der Abenddämmerung ist im spanischen Segelhafen Oropesa plötzlich Wind aufgekommen. Auf allen Schiffen haben die Beschläge, Klampen, Seile, Taue, Trossen - kurz, die ganze Takelage angefangen zu klimpern und klempern. Der gute Mann nebenan, gestern erst aus dem Norden angereist, regt sich auf und kann nicht schlafen. Sein Grossfall hat er nun so festgemacht, dass es nicht mehr in Schwingung geraten und an den Mast schlagen kann. Doch jetzt wirft er einen bösen Blick aufs übernächste Schiff, wo ein anderes Grossfall im zunehmenden Wind mit einem bedrohlichen BUM-BUM die Nerven des Geplagten noch mehr strapaziert. Schade, dass der Geschäftsmann seinen Alltagsstress in der romantischen Stimmung der südländischen Umgebung noch nicht ablegen konnte.

Diese Situation zeigt deutlich, wie sehr wir alle im Alltag einem Druck unterliegen und nur mit Mühe und Not abschalten können. Oft ist dies übers kurze Wochenende nicht möglich. Denn administrativer Kleinkram, Steuererklärungen ausfüllen, Rasen mähen, Grossmutter Besuche, Geburtstagsfeste und vieles mehr füllen den Terminkalender am Samstag und am Sonntag völlig aus. Für Bedächtigkeit und Muse bleibt kaum Platz. Wie soll da einer abschalten können? Wie soll sich da am ersten Ferientag innere Ruhe einstellen? Jeder kennt das. Das Cooling-down beansprucht meistens die ganze erste Ferienwoche und wird für alle zur Belastungsprobe. Damit das nicht passieren kann, gibt es nur ein Rezept: Mehr Gelassenheit. Das heisst, jeder Garstigkeit einen positiven Aspekt abgewinnen, auch wenn's noch so schwer fällt.

Wie wäre es wohl gewesen, wenn unser seglerischer Nachbar mit anderen Ohren dem Hafenkonzert zugehört hätte? Man stelle sich dabei als inspirierender Hintergrund Richard Strauss' Tondichtung "Also sprach Zarathustra" vor. Diese herrliche Musik mit ihrem dramatischen Höhepunkt, die keinen Weltschmerz kennt, sondern nur Lebensfreudigkeit. Man stelle sich vor, wie langsam bei aufkommendem Wind im Segelhafen die Schäkel zu klimpern beginnen, um gleichsam mit den flatternden Fähnchen zur Ouvertüre einsetzen. Piano, piano. Es klingen Triangeln, Xylophon und Glöckchen. Dann die Streicher in allen Abstufungen. Der Wind setzt zu. Es heulen die Masten. Es schwingen die Seile, Taue und Schoten. Es flirren die Holzblasinstrumente. In seinem Höhepunkt jagt der Wind die Blachen und Abdeckungen, auf und nieder, schlägt, klopft und jagt die Fetzen. Alles in Aufruhr, alles in Bewegung. Das Hafenkonzert erreicht den Gipfel. Fortissimo, fortissimo. Es klirrt, klimpert, heult, schlägt ... bis nach 2 Stunden Ruhe einkehrt und der Radau in sich zusammen fällt. - Mittelmeermusik vom Feinsten und erst noch in der ersten Reihe.

Es bringt wirklich nichts, wenn man sich über Geräusche aufregt, die sich nicht ändern lassen. Zugegeben, wenn zu Hause der Wasserhahn tropft, stehe ich auch auf und drehe ihn zu. Heult Nachbars Hund nachts dem Mond zu, ist das Natur. Früher waren es die Wölfe - heute sind's die häuslichen Vierbeiner. Wer die Welt aus grösserer Distanz betrachten kann, erhält mehr Freiheit und Gelassenheit. Es kann doch nicht sein, dass sich Bundesrichter mit Kuhglocken beschäftigen müssen, nur weil es Leute gibt, die sich vom Geläut nachts gestört fühlen. Es kann doch nicht sein, dass Urteile über gewisse Viehherden gefällt werden müssen, ob sie nun mit nacktem oder behangenem Hals weiden dürfen. Wo kämen wir da bloss hin?