Wenn der Kreis sich schliesst
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Wenn der Kreis sich schliesst


  Publikation in der Sempacher Woche und Surseer Woche
vom 25. September 2003

Kolumne von Carmen von Däniken
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Herr Müller sitzt im Rollstuhl am Fenster und blickt mit trüben Augen in die fernen Berge. Der Aufenthaltsraum im Pflegeheim "Gipfelruh" ist fast leer. Nur am kleinen Tischchen bei der Zeitschriftenablage schaukelt ein Mütterchen unaufhörlich mit dem Oberkörper hin und her. Im weichen Gegenlicht wirken die Bewegungen wie ein harmonisierendes Schwingen im pendelnden Rhythmus der dahin fliessenden Zeit. Eine Krankenschwester taucht auf. Es ist Essenszeit. Teilnahmslos und mit leerem Blick lässt sich Herr Müller in den Speisesaal schieben. Das war nicht immer so. Vor 10 Jahren noch war er Abteilungsleiter eines Kunststoffunternehmens bis ein Hirnschlag ihn brutal aus dem Geschäftsleben warf. Er, der immer für Ordnung sorgte, pedantisch und unnachgiebig. Die Angestellten erzitterten, wenn sie ihn sahen, gerieten unter Druck. Keiner traute sich zu widersprechen, sich zu wehren aus Angst vor Kündigung und Repression. Alle fühlten sich tyrannisiert, unterdrückt und gemobbt. Und nun? Der einst so gefürchtete Mann ...klein, hilflos, einsam und verlassen, ein Häufchen Elend. Wer hätte das gedacht!

Wer jung ist, weiss selten, was ihn das Leben erwartet. Man lebt, handelt und denkt oft nicht viel dabei. Jeder glaubt, vor sich eine lange Lebensstrecke zu sehen, die im Dunst und Nebel verschwindet und irgendwo weit, weit vorne dann ist das Ende. Doch je grösser die Erfahrung wird, um so mehr entdecken wir, dass jeder sich auf einem eigenartigen Kreis befindet. Dass alles, was wir irgendwann einmal angestellt, verursacht oder böswillig gemacht haben, eines Tages auf uns zurückfällt. In seltsamen Bögen wirft das Schicksal alle unsere Unzulänglichkeiten wieder zurück. Es ist, als ob sich jede ausgeteilte Ohrfeige, jede Böswilligkeit in einem kleineren oder grösseren Kreis zurückdreht. Diese Eigenheit finden wir vom Volksmund als Echo ausgedrückt: "So wie man in den Wald ruft, so tönt es zurück". Oder auch im Ausspruch: "Der liebe Gott bestraft sofort". Es ist die Erkenntnis, dass das Leben und Verhalten einer Serie von eigenartigen Kreisen gleicht, unabhängig von Raum und Zeit. Wie ein Bumerang kann sich die Ohrfeige um die ganze Erde drehen und es kann Jahre dauern bis sie wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Der Weisheit, dass der liebe Gott sofort bestraft, könnte ruhig hinzugefügt werden: "...und manchmal braucht er etwas länger".

Wer wundert sich, dass Herr Müller nun einsam im Pflegeheim lebt? Keiner seiner Mitarbeiter und Untergebenen kommt auf Besucht, keiner schreibt eine Karte, niemand telefoniert und erkundigt sich nach dem Befinden. Der Kontakt ist völlig abgebrochen. Aus. Ende. Es sieht ganz so aus, als ob sich Müllers Kreis geschlossen hat.

Die Einsicht, dass das Leben - eine scheinbar gerade Linie - auf ihren Ursprung zurück kommt, sollte uns zu denken geben. Sollte uns zu mehr Achtsamkeit und Respekt gegenüber den Mitarbeitern veranlassen, zu verantwortungsvollerem Handeln in der Gesellschaft und in der Familie führen und vor allem auch zu mehr Würde und Achtung gegenüber dem Partner. Wer sich bewusst ist, dass unsere Existenz sich als Spiegelbild unseres Tun und Handelns wieder findet, ist bereit, sein Taktgefühl zu schärfen, anderen Menschen mit mehr Toleranz zu begegnen und mehr Loyalität gegenüber den Schwächeren zu zeigen. Dies bedingt auch konsequenteres und gewissenhafteres Handeln und einen verbesserten Gerechtigkeitssinn.

Die Metapher eines Kreises finden wir überall in der Literatur. So auch in einem Interview. Der verstorbene Bischof Otto Wüst hat seine letzten Jahre in seiner Heimatstadt Sursee verbracht. Das Wissen um die Reise in einem Bogen hat er im März 2001 in einem Gespräch mit einer Journalistin ausgedrückt: "...ich war 50 Jahre weg, und bevor ich sterbe, komme ich wieder heim, ... mein Kreis hat sich geschlossen."