Engel können fliegen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Engel können fliegen


  Publikation in der Sempacher Woche und Surseer Woche
vom 6. November 2003

Kolumne von Carmen von Däniken
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Die Hausglocke meldet sich: Bim-Bam. Zwei Knirpse schauen mich fragend an: "Chaufed Sie au en Schoggitaler?" Ich fühle mich überrascht. Und doch freut es mich, dass die Schüler auch im Zeitalter der Globalisierung und totaler Vernetzung von Haustür zu Haustür gehen und ihre Waren für einen guten Zweck anbieten. Man mag vielleicht den Vorwurf einbringen, dass die Kinder für den Verkauf missbraucht und in ihrer Freizeit bedrängt werden. Man mag aber auch bedenken, dass sie nicht gratis arbeiten, sondern immer vom Erlös einen Anteil in die Klassenkasse erhalten, um die nächste Schulreise oder das nächste Klassenlager mit zu finanzieren. Die meisten werden mir beipflichten, dass es an und für sich keine schlechte Sache ist, wenn junge Menschen früh merken, dass Geld verdienen harte Arbeit ist und nicht einfach ein Geschenk des Himmels darstellt. Noch etwas gibt es zu bedenken: Mit dem Kauf von Schoggitalern, Pro Juventute- und Pro Patria-Marken oder was auch immer, sponsern wir zum einen die Klassenkasse und zum andern unterstützen wir Projekte in unserer unmittelbarer Umgebung. Seien es wertvolle Lebensräume mit mehr Insekten und Schmetterlinge, wie sie der schweizerische Heimatschutz mit dem diesjährigen Schoggitaler-Verkauf anstrebt oder Jugendprojekte, die von der Pro Juventute unterstützt werden, wie zum Beispiel die Ferienpass-Woche.

Mit dem Erwerb eines süssen Talers kaufen wir nicht nur ein Stück Schokolade, sondern fördern gleichzeitig die Lebensgemeinschaft. Wenn auch Schoggitaler, Pro Juventute Marken und Co. ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert darstellen, so ist die Idee dieser Mittelbeschaffung aktueller denn je. Mit unserer Unterstützung an diese Vereine leisten wir einen kleinen Beitrag an das Gemeinwohl. Ein kostbares Gut, das in unserer Spass- und Ego-Gesellschaft immer mehr verloren geht und einer Raff- und Habgier Platz machen muss. Ganz nach dem neuen Slogan: "Geiz ist geil!"

Wir haben als erwachsene Menschen die Chance gehabt, unsere Talente und Fähigkeiten zu entwickeln. Jetzt sollten wir auch bereit sein, diese weiter zu geben und andern dabei zu helfen. Sei es in Form von finanzieller Unterstützung oder als gemeinnützige Hilfe. Denn wir tragen alle eine moralische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft als Ganzes. Eine Verpflichtung auch, die Lebensqualität und den Gemeinsinn zu fördern und zu erhalten. Das heisst unter anderem, seinen Anteil leisten im Gemeinwesen und sich einbringen zum Erhalt der moralischen Werte.

Eine Mitwirkung am Gemeinwohl zahlt sich nicht in klingender Münze oder als Status aus, sondern ist vielmehr eine Bereicherung für die eigene Persönlichkeit. Wie gross der zeitliche oder finanzielle Einsatz ist, hängt bei jedem von seinem eigenen Befinden ab. Wichtig dabei ist nur, dass jeder seine eigene Balance findet zwischen persönlichem Luxus und gemeinnützigem Engagement.

Sie werden wieder kommen - und an der Haustüre läuten: Schoggiherzli anbieten, Marken verkaufen, selber gebackene Mailänderli anpreisen, zum Advent singen ... Wenn bei Ihnen ein Bim-Bam ertönt, denken Sie an die leuchtenden Augen, das scheue Lächeln und erinnern Sie sich an den Philosophen Luciano De Crescenzo, der so treffend sagte: Wir sind Engel mit nur einem Flügel; um zu fliegen, müssen wir umarmt bleiben.