Humane Dinge sind zeitlos
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Humane Dinge sind zeitlos


  Publikation in der Sempacher Woche und Surseer Woche
vom 18. Dezember 2003

Kolumne von Carmen von Däniken
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Am Stammtisch im Goldenen Ochsen sitzt tagtäglich Sepp nach dem Feierabend bei einer Stange Bier. Tagsüber arbeitet er als Malergesell in einer Restaurationsfirma. Und das schon seit über 25 Jahren. Sein Rücken schmerzt ihm manchmal, wenn es auf der Baustelle oder in einem alten Gebäude bei der Arbeit zieht. Er ist halt nicht mehr der Jüngste. Daheim wartet niemand auf Sepp. Mit seinen 58 Jahren lebt er allein auf dem Land in einem "Stöckli". So zieht es ihn jeden Abend zu seinen Kumpanen in den Goldenen Ochsen. Käthi, eine liebe und herzliche Frau, bedient jeweils ab 17.00 Uhr die Gäste. Sie serviert schon seit über 10 Jahren hier und kennt die Runde am Stammtisch: Heiri, Kurt, Noldi, Kudi, Fritz und Sepp.

Doch letzten Freitagabend war ein Stuhl leer geblieben. Sepp fehlte. Keiner der Kumpanen wusste, wo er steckte, als Käthi sie fragte. "Vielleicht liegt er mit Mareili von der Käserei im Stroh!" spöttelten sie sogar. Um 21.00 Uhr hielt es Käthi nicht mehr aus. Im Goldenen Ochsen war nicht viel los, und der Wirt hatte auch nichts dagegen, als Käthi ihr Auto packte und zu Sepps Stöckli fuhr, um Nachschau zu halten. Im Gang lag er, bei der Toilettentür und konnte sich nicht mehr bewegen. Käthi handelte blitzschnell. Nach wenigen Minuten traf die Ambulanz ein und holte Sepp ab.

Dank Käthi geht es Sepp nun wieder besser. Sie war wie ein Engel im richtigen Moment erschienen. Ihre beherzte Art war es, die Sepp aus seiner ärgsten Bedrängnis befreite. Mit Käthis Fürsorge und ihrer Spontaneität konnte Schlimmeres verhindert werden. Und was ganz wichtig war: Sepp merkte, dass er nicht alleine war, dass ein unsichtbares Maschenwerk sozialer Umsicht ihn behütete. Für ein paar Tage wird er wohl noch im Spital bleiben müssen - und das ist gut so.

Käthi hat mit ihren 55 Jahren das, was viele in der Hetze des Alltages verloren haben: Sorge und Aufmerksamkeit gegenüber den Mitmenschen. Was nützt es uns, wenn wir in die Welt hinausjagen, unsere nähere Umgebung vergessen und nur nach dem persönlichen Erfolg suchen? Nur allzu oft werden Erfolg und Misserfolg an materiellen Massstäben gemessen. Gerade diese materialistische Denkweise führt uns in die Sackgasse und lässt uns die gesellschaftliche Verantwortung vergessen.

Wie wichtig ist es doch, ein mitfühlendes Auge auf die Mitmenschen zu werfen und zu sehen, wo Not und Bedürftigkeit herrscht. Wir können die Welt nicht ändern, aber wir können sie ein bisschen menschlicher gestalten mit mehr Verantwortung für den Mitmenschen, mit mehr Unterstützung für diejenigen, die in ihrer Existenz bedroht sind und mit mehr Mitgefühl für die Alleinstehenden und Einsamen. Gerade sie sind es, die Wärme und Geborgenheit in der weihnächtlichen Zeit nötiger haben denn je.

Besinnen wir uns auf unsere Herzlichkeit. Wir brauchen keine Türme in den Himmel zu bauen und auf Luxus und Erfolg können wir auch verzichten, denn eigentlich gibt es nur etwas, was wirklich zählt im Leben. Etwas, was man mit Geld nicht kaufen kann, auch nicht mit Macht: Menschlichkeit, Zugneigung, Liebe und Wärme. Solche humanen Dinge sind zeitlos und überleben jeden Krieg. Den einzigen Sinn, den sie haben, ist Zeit für einander zu haben, Zeit für Gespräche, Zeit für Aufmerksamkeit und Liebe. Und diesen Sinn wünsche ich Ihnen, nicht nur für die Festtage, sondern für das ganze kommende Jahr.