Was ein paar Zentimeter ausmachen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Was ein paar Zentimeter ausmachen


  Publikation in der Sempacher Woche und Surseer Woche
vom 5. Februar 2004

Kolumne von Carmen von Däniken
all rights reserved

 


Ist es Ihnen auch schon passiert, dass Ihnen jemand beim Warten an der Kasse den Einkaufswagen in den Hintern geschubst hat? Oder dass Sie unsanft die Kanten eines Einkaufskörbchens am untersten Wirbel des Rückgrats zu spüren bekamen? - Nein? Dann müssen Sie entweder die Bequemlichkeit von Internet und Hauslieferdienst kennen oder Sie lassen sich vermutlich alle Einkäufe von einer lieben Nachbarin an die Wohnungstür bringen.

Ich werde regelmässig im Supermarkt von überfleissigen Kunden gemumpft und geschubst. Woran das liegen mag, lässt sich nur erahnen. Tatsache ist, dass ich jeweils beim Anstehen in der Kolonne einen anständigen Zwischenraum zum Vordermann einhalte, so dass der hantieren und sich gebührend bewegen und drehen kann. Nicht zu gross, damit sich keiner rein drücken kann. So etwas wie einen Respekts-Abstand. Rückt man zu dicht auf, fühlt sich jeder in seiner Intimsphäre gestört und schaut sich unter Umständen sogar noch um. Was für ein Fauxpas. Denn Hand aufs Herz, es gibt ja nichts Schlimmeres, als vom rückwärts anstehenden Kunden den Atem im Nacken zu spüren. Doch diese paar Zentimeter Distanz, die vor mir liegen, müssen für meinen Hintermann - eigentlich sind es meistens Hinterfrauen - so etwas wie eine unerträgliche Kluft sein. Und so erhalte ich, obwohl es dadurch nicht schneller geht, in steter Folge immer wieder einen kleinen Puff mit dem Körbli oder dem Einkaufswagen. So zum Sagen: "Los, aufschliessen, Sie Trottel!" Kann sein, dass ich aussehe wie eine daher gelaufene Schlampe, wenn ich nach kurzer Nacht mit dunklen Augenrändern meinen Orangensaft, zwei Gipfeli und 6 Eier an der Kasse bezahlen möchte. Aber ob die soziale Hierarchie in diesem Fall eine solche Handlung legitimiert, ist äusserst fragwürdig.

Wenn es ums anständig Kolonne stehen geht, so sind die Engländer die Krone der Schöpfung. Geduldig reihen sie sich um alle Häuserblocks ein, um an irgend einer Kasse eines Museums, einer Veranstaltung oder Ausstellung ein Ticket zu ergattern. Brav Schlange gestanden wird auch an der Bushaltestelle und im Supermarkt. Und sollte ein Europäer vom Festland mit dem Körbchen stossen, heisst es ganz höflich: "Are you in the queue?" (stehen Sie in der Schlange?) Tönt zwar sehr nett, bedeutet aber soviel wie: "Sie Idiot, können Sie nicht anständig Kolonne stehen!"

Idioten gibt es auch auf der Autobahn. Sie kennen sicher die Situation: Stossverkehr, Lastwagen an Lastwagen auf der rechten Spur, Personenwagen an Personenwagen auf der linken Spur. Mit der Entschlossenheit eines Verrückten schliesst nun der hintere Fahrer auf und stosst und drückt. Scheinwerferlicht im rechten Rückspiegel, dann wieder im linken. Ich gebe zu, dass mir ein paar Meter zum vorderen Auto lieber sind, als dichtes Aufschliessen. Und so scheint mein Sicherheitsabstand in der Kolonne auch hier an der Ungeduld des nächst Aufschliessenden zu kratzen. Bis jetzt aber hat sich noch keiner gewagt, meiner Stossstange einen Schubs zu geben, sehr wohl aber meinem Hintern. Ob es da wohl einen Unterschied im materiellen Wert gibt?

Da lob ich mir doch die kleinen Dorflädeli. Die Leute sind freundlich und immer noch ist Zeit für einen Schwatz. Man ist liebenswürdig und drängt sich nicht vor oder fragt höflich nach, wenn man in Eile ist. Keiner schubst und keiner drückt. Warum eigentlich dieser Unterschied zum Supermarkt? Ganz einfach, man kennt sich. Oder hätten Sie den Mut Fräulein Estermann vom Sekretariat der Gemeindekanzlei den Einkaufswagen in den Allerwertesten zu stossen?