Mit dem Bus in die Stadt
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Mit dem Bus in die Stadt


  Publikation in der Sempacher Woche und Surseer Woche
vom 27. Mai 2004

Kolumne von Carmen von Däniken
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Es ist morgens um 8.00 Uhr anfangs April. Wir stehen an der Bushaltestelle in Antraitx auf der Insel Mallorca. Die Kälte der Nacht ist bei den Wartenden zu spüren. Zusammengekrümmt, den Kragen hochgeschlagen, stehen sie geduldig am Strassenrand und plaudern angeregt miteinander. Einheimische auf dem Weg zur Arbeit, ein paar spanische Touristen aus dem Hotel von nebenan. Alle wollen sie in die Stadt Palma. Der Buschauffeur, ein älterer Herr, macht Spässchen beim Ticket lösen. Die Fahrt dauert 40 Minuten und führt über die Berge durch all die kleinen Dörfer. Arbeiter, Hausfrauen, Rentner steigen zu. Im Bus beginnt eine angeregte Diskussion. Jeder erzählt, berichtet, gestikuliert und lacht. Auch der Fahrer beteiligt sich und wirft immer wieder ein paar Sprüche in den Raum und untermalt sie mit ausdrucksvollen Handbewegungen. Es herrscht eine Stimmung, wie in einem Cafe in Malaga, kurz vor Anpfiff eines Länderspiels: aufgeräumt, herrlich, voller Lebensfreude. Und dies bis zur Endstation in Palma.

Können Sie sich so etwas in der Schweiz vorstellen? Dass Leute ungezwungen miteinander reden? In einem Linienbus? Um Himmelswillen, werden Sie jetzt denken - wo kämen wir da hin! Es ist nicht etwa so, dass die Südländer nur das Leben geniessen. Auch sie müssen arbeiten. Nur - sie leben einfach ungezwungener und ihre innere Einstellung ist anders.

Unsere schweizerische Griessgrämigkeit und unsere biedere Freudlosigkeit lähmt uns die gesamte Wesensart. Statt Spontaneität und Lebensfreude beherrschen traurig machende Gesichtslätsche unsere Strassen. In unserem Land, wo im Vergleich zu andern Staaten Milch und Honig fliesst und eigentlich Freude herrschen sollte, liegt Todernstigkeit. Wieso eigentlich? Ist es die Angst, Neid zu erzeugen, wenn wir zu unserem Wohlstand hin auch noch Lachen? Bezahlen wir unseren Lebensstandard mit dem Preis der Griessgrämigkeit, um ja nicht zu zeigen, wie gut es uns eigentlich geht, um so keine Neider auf den Plan zu bringen?

Oder ist es die von Kindheit an erzogene Angst vor dem Auffallen? Oder etwa die schweizerische Korrektheit, die ganz nach dem Motto "nobless - oblige" keine Lebensfreude und Ausgelassenheit zu lässt? Selbst die in der Schweiz lebenden Südländer und erst recht die 2. Generation hat ihrer natürlichen Spontaneität und Lebenslust ein drahtiges Korsett angezogen und sich der schweizerischen Eigenart der lähmenden Korrektheit unterworfen.

Erstaunlich ist nur, dass sich die Fesseln der Angst legen und wir das Joch der Freudlosigkeit ablegen, kaum sind wir im Ausland in den Ferien: Wir geniessen Momente der Glückseligkeit und geben uns ungekünstelt der Freiheit hin. Adoptieren die Lebenslust der Einheimischen, als ob wir nichts anderes kennen würden. Was andere von uns denken, ist uns absolut gleichgültig. Wir haben nichts zu verbergen. Welch eine Erholung. Und kaum zu Hause angelangt, ist alles wieder beim Alten, wie ausgelöscht. Wie schön wäre es doch, wenn wir ein klein bisschen von dieser Sonnenseite in unsern Alltag retten könnten.

Übrigens war die Stimmung im Bus bei der morgendlichen Fahrt nach Palma keine Ausnahme. Auf dem Heimweg war es genau so. Mit einem andern Chauffeur und andern Fahrgästen. Und genauso war es im Zug von Palma nach Soller. Da waren es dann die Touristen: Deutsche, Holländer, Engländer und ... Schweizer.

So wünsche ich Ihnen und mir mehr Mut zur Spontaneität, Lebensfreude und Ausgelassenheit. Vielleicht, ja vielleicht, heisst es dann plötzlich nicht mehr auf einem Schildchen in unseren Linienbussen: Unterhaltung mit dem Fahrer verboten!