Mit fremden Federn geschmückt
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Mit fremden Federn geschmückt


  Publikation in der Sempacher Woche und Surseer Woche
vom 22. Juli 2004

Kolumne von Carmen von Däniken
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Stephan ist eigentlich ein fröhlicher und aufgestellter Bub. Doch jetzt sitzt der Zweitklässler auf dem Mäuerchen beim Fussballfeld und schaut ziemlich grimmig drein, wenn nicht sogar wütend. Sein Kinn auf beide Hände gestützt, den Mund nach unten gezogen und zwischen den Augenbrauen zeigt sich drohend eine tiefe Falte. Ein Stück weiter am Boden dementsprechend hingeworfen sein Sportsack. Was ist nur los? "Geklaut! Er hat meine Idee geklaut!!!" Mit ER meint Stephan seinen Mitschüler Kevin, der ihm die Dekorationsidee für das Sommernachtsfest der Schule gestohlen hat und selbstherrlich bei der Lehrerin als die eigene vorgebracht hat. Er hat dafür viel Lob und Schulterklopfen eingeheimst und zur Belohnung obendrauf noch ein Schokistängeli erhalten. Wie gemein!

Stephan fühlt sich nun geprellt, hintergangen, so richtig beschissen. Er kocht vor Wut. Verständlich. Denn wer mag es schon, wenn ein anderer mit fremden Federn geschmückt Lob und Anerkennung einkassiert. Jeder fühlt sich betrogen, wenn er zusehen muss, wie ein anderer mit der Krone der Errungenschaft herumläuft. Man kommt sich sogar vor als missbrauchter Steigbügelhalter für des andern Weiterkommen.

Stephans Erlebnis ist keineswegs unbedingt eine Kindergeschichte. Was hier im Kleinen geschehen ist, passiert auch im Grossen: im Privaten, in der Gesellschaft und in der Wirtschaft. Teamchefs stehlen die Ideen von Mitarbeitern und geben sie als ihre eignen weiter. Musik, Texte, Zeichnungen werden kopiert. Errungenschaften und Erfindungen als auf dem eigenen Mist gewachsen ausgegeben. Es wird abgekupfert und "gecovered". Die Liste ist unendlich, die Akten der Gerichte voll. Fälschungen und Diebstahl von geistigem Eigentum fügen der Wirtschaft jährlich Schäden in Millionenhöhe zu. Zwar existieren Patentämter und das Bundesamt für geistiges Eigentum, um seine Urheberrechte zu schützen. Doch die Diebe zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen, ist eine andere Sache. Zudem macht es keinen Sinn, jede Zeichnung, jede Zahl und jeder Buchstabe unter Schutz zu stellen. Aber darum geht es hier schlussendlich auch nicht.

Vielmehr geht es um Fairness. Nämlich darum, dass jeder in Achtung und Respekt vor dem Mitmenschen handelt. Seinen Ideen und seiner Arbeit Rechnung trägt und in Sorgfalt handelt, wie auch Lob und Anerkennung demjenigen zubilligt, der es verdient hat. Sich auf die Kosten von andern zu bereichern, zahlt sich nicht aus. Auch wenn man gemeinhin meint, es sei ein Kavaliersdelikt. Habgier, Missgunst und Egoismus sind ein schlechter Nährboden für Erfolg und Gedeihen. Charakter zeigt, wer innere Grösse hat und neidlos des andern Ideen anerkennt.

Es kommt noch etwas anderes dazu. Stellen Sie sich vor, wenn nun der Diebstahl bemerkt wird und ans Licht geführt wird, dass der geistige Vater ein anderer ist. Welch eine Blamage! Der Täter steht mit abgesagten Hosen da. Er wird geteert und gefedert. Und wird Mühe haben, seine Glaubwürdigkeit wieder herzustellen.

Übrigens habe ich Stephan letzte Woche wieder getroffen. Er war aufgestellt und fröhlich wie eh und je. Und? Wie ist die Geschichte mit Kevin ausgegangen? "Ganz einfach", hat er geantwortet, " mein Bruder und ich, wir haben ihm die Eier kurz poliert."

Manchmal sind es Kinder, die einem den Spiegel der Gesellschaft vorhalten und gewisse Grundwahrheiten beibringen. Sie sind es, die auf ihre Art die Welt ins rechte Lot rücken. Mögen sie diese Regeln der Aufrichtigkeit einmal ins spätere Berufsleben tragen.